Gender und geschlechtssensible Erziehung

Interview mit Dr. Tim Rohrmann




rohrmann tim20reduz 117392Ja. Forschungsergebnisse zeigen, dass verbale Fähigkeiten bei Mädchen insgesamt etwas stärker ausgeprägt sind. Mädchen sprechen im Schnitt ein bis zwei Monate früher als Jungen, ihre Wortverbindungen und Sätze sind länger, die Grammatik ist vielfältiger und weniger fehlerbehaftet. Diese Unterschiede sind sehr früh zu beobachten, in den ersten Lebensjahren aber im Umfang gering. Im Alter von vier Jahren haben die Jungen dann in vielen Bereichen aufgeholt.

Zu Schulbeginn gibt es dennoch deutliche Unterschiede im typischen Wortschatz von Mädchen und Jungen. Die verbalen Fähigkeiten von Mädchen sind im Durchschnitt besser. Petra Best und Karin Jampert stellen dazu fest, dass
Dabei ist die Varianz bei der Sprachaneignung in der Gruppe der Jungen weit größer: Es gibt mehr Jungen mit sehr hohen Leistungen, aber auch mehr Jungen mit Lernbehinderungen. So haben Sprachheilkindergärten oft einen deutlichen Jungenüberschuss. Die Ursachen dieser Unterschiede sind nach wie vor umstritten.

Die verbreitete Annahme, dass Geschlechterunterschiede im Sprachverhalten von den „unterschiedlichen Gehirnen“ von Männern und Frauen herrühren, ist dagegen keineswegs klar bewiesen. Entscheidend ist, dass die Entwicklung des Sprachverhaltens kein rein biologischer, sondern ein Bildungsprozess ist!


Bereits vor der Schule können wir häufig unterschiedliche Kommunikationsstile von Mädchen und Jungen beobachten: Mädchen sprechen tendenziell mehr und offener über sich selbst, und ihre Kommunikation ist eher von Wechselseitigkeit geprägt. Jungen sprechen im Schnitt weniger, sie äußern mehr Befehle und Drohungen und es macht ihnen Spaß, mit sexuellen Ausdrücken und Schimpfworten zu provozieren. Auch im Konfliktverhalten gibt es deutliche Unterschiede: Jungen zeigen eher offene Aggression, wogegen Mädchen mit zunehmendem Alter Aggression meist indirekt zum Ausdruck bringen.

Viele solche Aussagen beruhen allerdings auf älteren Studien, und es gibt auch Forschungen, die zu anderen Ergebnissen kommen. Geschlechterdifferenzen sollten daher nicht überbewertet werden. Gespräche in Mädchen- und Jungengruppen ähneln sich in vielerlei Hinsicht und unterscheiden sich nur bei bestimmten Themen deutlich. Das Ausmaß geschlechtstypischer Unterschiede hängt zudem sehr stark von der jeweiligen Umwelt ab. Wenn Kinder bereits in der Kita und im Kindergarten häufig in geschlechtshomogenen Spielgruppen („Jungenbanden“ und „Mädchenbanden“) spielen, können sich in stärkerem Maße Unterschiede im Sprachverhalten und, damit verbunden, im Konfliktverhalten herausbilden. Spielen sie miteinander, dann gleichen sich auch die Kommunikationsstile aneinander an.


Wenn Unterschiede in den sprachlichen Fähigkeiten und kommunikativen Kompetenzen von Mädchen und Jungen auffällig werden, dann sollte auch darauf eingegangen werden.


Ein bekannter Grundsatz lautet: „Wenn Ungleiches gleich behandelt wird, bleibt es ungleich.“ Dies bedeutet zum einen, Unterschiede erst einmal zu akzeptieren. Man sollte Kinder dort abholen, wo sie stehen und sich auch auf ungewohnte Kommunikationsformen einlassen, z.B. das „Action-Sprech“ von Jungen. Zum anderen können kompensatorische Maßnahmen ergriffen werden, um geschlechtstypischen Defiziten entgegenzuwirken.

Es kann dabei auch sinnvoll sein, Jungen und Mädchen zeitweise zu trennen. Dies ermöglicht zunächst neue Beobachtungen. Vielleicht ergibt sich daraus, dass einige Kinder mit manchen Aufgaben und Anforderungen besser in geschlechtshomogenen Gruppen zurechtkommen.


Das Vorbild der erwachsenen Bezugspersonen spielt eine wichtige Rolle für die Entwicklung von sprachlichen Fähigkeiten. Sind dies überwiegend Frauen mit typisch weiblichem Kommunikationsstil, dann können sich ältere Mädchen an ihnen orientieren, wogegen ältere Jungen sich von ihnen abgrenzen.

Wenn Erzieherinnen zudem mit Mädchen anders reden als mit Jungen, vermitteln sie geschlechtstypische Botschaften und verstärken entsprechende Verhaltensmuster (z.B. durchsetzungsstarkes Verhalten von Jungen, empathisches oder sozial angepasstes Verhalten von Mädchen).

Das muss aber keinesfalls so sein. Je vielfältiger und weniger geschlechtstypisch das Kommunikationsverhalten von Erzieherinnen und Erziehern ist, desto vielfältiger können sich auch die Interaktionen von Kindern entwickeln.

Eine Sensibilisierung kann durch eine Reflexion des eigenen Kommunikationsverhaltens oder durch eine Auseinandersetzung mit dem Thema geschlechtergerechte Sprache erfolgen, z.B. im Rahmen von Fortbildungen.


Nein, es sollte keine generell unterschiedlichen Sprachförderprogramme für Mädchen und für Jungen geben. Es gibt ja ganz unterschiedliche Mädchen, so wie es auch ganz unterschiedliche Jungen gibt. Kinder in nur zwei Schubladen einzusortieren, wird ihnen nicht gerecht.

Stattdessen geht es darum, Sprachförderung geschlechterbewusst zu entwickeln. Die Rahmenbedingungen und Inhalte sollten so gestaltet werden, dass auf unterschiedliche Kompetenzen, Themen und Bedürfnisse von Mädchen und Jungen, die im Alltag deutlich werden, eingegangen werden kann.

 
Zur Person

Dr. Tim Rohrmann ist Diplom-Psychologe und Leiter des Instituts für Pädagogik und Psychologie „Wechselspiel“ in Denkte. Seit 2010 arbeitet er als Fachreferent in der Koordinationsstelle "Männer in Kitas" an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin. Er setzt sich dafür ein, dass die Heterogenität von Kindern und kindlichen Lebenswelten sich auch in der Heterogenität des pädagogischen Personals von Kindertageseinrichtungen widerspiegelt.


Mit freundlicher Genehmigung von "Frühe Chancen"


Fachbeitrag zur "Offensive Frühe Chancen“


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