Kinderläden und antiautoritäre Erziehung

Modelle einer Gegengesellschaft und veränderten Erziehungskultur

Inhaltsverzeichnis

  1. Kinderläden und antiautoritäre Erziehung
  2. Vom Gleichschritt zum aufrechten Gang
  3. Keine eigene wissenschaftsmethodisch überzeugende Theorie
  4. Anfänge und Entwicklung in Westdeutschland
  5. Anfänge und Entwicklung in Ostdeutschland
  6. Antiautoritäre Sexualerziehung/-aufklärung
  7. Selbsterziehung der Erwachsenen - Vom Kinderladen zum Elternladen
  8. Anpassung an den Mainstream?
  9. Wegweisende Impulse gesetzt
  10. Neueste wissenschaftliche Studien
  11. Anmerkungen
  12. Literatur

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„Nicht länger soll das Kind gekrümmt werden“



Kinderschule in Frankfurt/Main
„Ein paar Drei- und Vierjährige [versammeln sich; M. B.] zum Kinderrat um einen Tisch und beraten, was mittags gekocht werden soll. Die Betreuerin, Mutter eines der Kinder, rät den Besuchern: ‚Sie können gern zusehen, aber sie müssen damit rechnen, daß die Kinder Sie rausschmeißen‘“... Später „ziehen sich ein Junge, 4, und ein Mädchen, so alt wie er, nackt aus und spielen nach, was ihnen gerade erst erzählt worden ist: Geburt. Sie krümmt sich in den Wehen, er ist Vater und Geburtshelfer zugleich. Die anderen Kinder schauen den beiden zu“ (o. V. 1970a, S. 62).

Kinderhaus Neuenheim in Heidelberg
„Jule und Maurice spielen mittags Ausziehspiele. Das Einzige, was ich richtig mitbekommen habe, ging folgendermaßen: Julia zieht sich die Unterhose aus, setzt sich auf den Tisch und spreizt die Beine ganz weit. Maurice schnüffelt ihr am Arsch und an der Scheide. Ich tippe auf ‚Arztspiel‘, in Wirklichkeit probieren sie aus, ‚wie das riecht‘, ‚wie Pisse und Kacke riechen‘. Simone sitzt ganz baff daneben und guckt zu. Später geht es draußen auf der Vordertreppe weiter, Patrick macht auch mit. Dann wollen die beiden Jungen lieber in der Abgeschlossenheit des Matrazenzimmers weiterspielen“ (Billau/Jansen/Jutzi 1980, S. 88).

Kinderladen im West-Berliner Stadtteil Neukölln
„Die Kinder... stülpen sich... gegenseitig ihre Nachttöpfe wie Helme über den Kopf. Ein Junge schmiert einem Mädchen Bananenbrei in die Haare. Ein anderer fährt immer wieder mit einem Dreirad gegen die Wand... Jim Kruse berührt das alles nicht... Erst als seine zweieinhalbjährige Tochter Anna in anstupst, blickt er auf und fragt sie: ‚Mußt du scheißen?‘ Anna nickt. Er zieht ihr die Hosen aus und setzt sie auf den Topf“ (o. V. 1970, S. 154).


Voranstehende Beispiele schildern einen normalen Alltag in drei verschiedenen KinderlädenKinderläden||||| Die Kinderladenbewegung entstand in den 1986 in Frankfurt mit ersten selbstverwalteten Kindergärten, oftmals Elterninitiativen, in denen Kinder verschiedenster Alter  betreuut wurden. Es wurde die Maxime eines antiautoritären Erziehungsstil vertreten, um neue Erfahrungen für Kinder zu ermöglichen, sowie die Ansicht, dass Regeln von "Autoritäten" nicht blind verinnerlicht werden dürften. Dies führte und führt noch heute zu Diskussionen und fälschlichen Verwechslungen mit dem Laissez-Faire Erziehungsstil.   (1). Es war die Ära der 1968er-Generation, der APO (Außerparlamentarischen Opposition), Studentenrevolten, sexuellen Revolution, der Gründung von studentisch-feministischen Weiberräten und Emanzipation der Frauen, der Hausbesetzungen und Demonstrationen gegen den Vietnam-Krieg sowie der Springer-Presse u.a. m., um plakativ einige politisch / gesellschaftliche Ereignisse dieser Jahre zu nennen, die den Zeitgeist eindrucksvoll in Erinnerung rufen, als auch Veränderung und Dynamik dieser Zeit widerspiegeln. Damals gewannen auch neue pädagogische Ideen an Einfluss und ehe man sich versah, war die „Kinderladenbewegung“ bzw. „antiautoritäre Erziehung“ (2) in aller Munde. Diese pädagogische Bewegung lockte die einen und schockte die anderen (vgl. o. V. 1970a, S. 62), letzteres bis in die heutige Zeit hinein. Auch heute noch verbindet man mit Kinderläden verschmierte Wände, verschmierte Hände, Chaos und Disziplinlosigkeit.

Heute existieren in größeren Städten und Ballungsräumen Deutschlands eine erstaunlich hohe Anzahl von Kinderläden, die „nach dem Zerfall der politischen Bewegung in Reformprojekte mündeten“ (Sander/Wille 2008, S. 660). Elterninitiativen formierten sich, und organisierten Kitas als „alternatives Projekt“ innerhalb der öffentlichen Kleinkindererziehung. Diese werden von öffentlicher Seite „in der Regel als Elterninitiativ-Kindertagesstätten bezeichnet, intern heißen sie jedoch bis heute häufig Kinderladen“, wobei jedoch die für die Gründungszeit „beschriebene gesellschaftspolitische Situation nicht mehr aktuell“ (Iseler 2010, S. 32) ist. Manche Einrichtungen können auf die Hochgründungszeit der Kinderläden zurückblicken, beispielsweise: „Kinderhaus Limburger Straße e. V“. in Osnabrück, kinderladen1 Kinderladen in West-Berliner Stadtteil Neukölln; Quelle: Ida-Seele-Archiv„Kinderladen Felix“ in Berlin-Wilmersdorf, „Kinderladen Kleine Kaiser“ in Bonn, „Kinderwerkstatt e. V.“ in Bochum, „Das Kind e. V.“ in Düsseldorf, „Kinderladen Stärkestrasse e.V.“ in Hannover, „Kinderladen Perlach e. V. in München, „Kinderhaus Floßmannstraße“ in München-Pasing, „Kinderladen Austraße 42. Verein für Kindergartenpädagogik e. V.“ in Nürnberg oder „Kinderladen. Aktion Vorschulerziehung e. V.“ in Stuttgart, gegründet 1968 von Grit und Georg Kiefer, der wohl älteste Kinderladen auf deutschen Boden.




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