Die Entwicklung prosozialen und kooperativen Verhaltens im 2. Lebensjahr
Drittmittel-finanziertes (nifbe) Forschungsprojekt an der Universität Osnabrück, Abteilung Entwicklung und Kultur
Projektleitung:
Projektmitarbeiter:
- Dipl.-Psych. Jenny Collard
- Dipl.-Systemwiss. Nils Schuhmacher
Zentrale Fragestellung
Im zweiten Lebensjahr vollziehen sich wichtige Entwicklungen im sozial-kognitiven, sozial-emotionalen und im motivationalen Bereich, die Kleinkindern einen kompetenteren Umgang mit anderen Personen ermöglichen. Im Wesentlichen wird schon hier der Grundstein für die spätere Sozialkompetenz des Kindes gelegt. In diesem Forschungsprojekt geht es um die zentralen Voraussetzungen und die sozialen Einflüsse auf die Entwicklung frühen prosozialen und kooperativen Verhaltens. Ein differenzierteres Verständnis dieser Entwicklungen würde es ermöglichen, wissenschaftlich fundierte Programme zur Förderung eben dieser sozialen Kompetenzen unter besonderer Berücksichtigung des sozialen und kulturellen Hintergrundes der Kinder zu entwickeln.
In der Literatur wurde bisher davon ausgegangen, dass frühes Hilfeverhalten notwendigerweise ein Verständnis des mentalen Zustandes der anderen Person voraussetzt. Mittlerweile deuten jedoch erste Befunden darauf hin, dass möglicherweise ein allgemeines Verständnis der emotional bedeutsamen Situation ausreicht, um prosoziales Verhalten auf Seiten des Kindes zu ermöglichen. Die Existenz unterschiedlicher und eventuell kulturspezifischer Entwicklungspfade ließe sich über differenzielle Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Formen frühen Hilfeverhaltens (instrumentelles, empathisch motiviertes und situationsgebundenes Hilfeverhalten) mit anderen zeitnahen Entwicklungen, insbesondere dem frühen Selbstkonzept, dem kooperativen Verhalten und dem Verständnis der Subjektivität mentaler Zustände nachweisen.
Weiterhin soll in diesem Projekt der Frage nach spezifischen Interaktionserfahrungen nachgegangen werden, die Kinder im Umgang mit ihren primären Bezugspersonen sammeln und die die Entwicklung frühen prosozialen und kooperativen Verhaltens fördern. Möglicherweise lassen sich hier kulturspezifische Interaktionsmuster identifizieren, die im Zusammenhang mit dem frühen prosozialen Verhalten stehen. Generell soll hier zwischen Einflüssen auf die sozial-kognitiven und Einflüssen auf die motivationalen Voraussetzungen prosozialen und kooperativen Verhaltens unterschieden werden.
Schließlich soll untersucht werden, inwiefern Kinder prosoziale und kooperative Verhaltensneigungen, die sie im Umgang mit ihren Müttern oder anderen Erwachsenen zeigen, auch gegenüber anderen Kindern zeigen.
Untersuchungsansatz
Um diese Forschungsfragen zu beantworten, werden in etwa 80 Familien eine Reihe von Maßen erhoben. Die Erziehungsziele und Wertvorstellungen der Mütter werden über Fragebogen erfasst. Die Interaktionserfahrung der Kinder wird über eine teilstandardisierte Situation erhoben, in der Mutter und Kind mit einer Situation konfrontiert werden, in dem das Kind einer anderen Person helfen könnte. Das prosoziale und kooperative Verhalten der Kinder über einer Reihe von standardisierten Situationen erhoben. Bezüglich des Hilfeverhaltens wird beobachtet, wie sich das Kind in Situationen verhält, in denen sie die Notlage (Schmerz oder Trauer) einer anderen Person beobachten. Beispielsweise schlägt sich die Mutter des Kindes die Hand an oder die Untersuchungsleiterin betrauert einen Teddy, der ihr kaputt gegangen ist.
Um insbesondere den Hintergrund der Kinder mit zu berücksichtigen sollen neben 40 deutschstämmigen Familien ebenso viele Familien mit türkischem Migrationshintergrund für die Untersuchung gewonnen werden. Familien mit türkischem Migrationshintergrund stellen in Osnabrück die größte Gruppe der Familien mit Migrationshintergrund dar. Insofern spiegelt diese Wahl am ehesten den Alltag in den Osnabrücker KiTas und Kindergartengruppen wider. Darüber hinaus konnte die Forschergruppe um Birgit Leyendecker an der Universität Bochum zeigen, dass sich die normativen Unterschiede bezüglich Gehorsam und zwischenmenschlichen Verpflichtungen zwischen diesen beiden soziokulturellen Kontexten zum Teil deutlich unterscheiden. Das ist insofern interessant, als diese Sozialisationsziele direkt mit dem prosozialen und kooperativen Verhalten der Kinder zusammenhängen könnten.
Aktueller Stand
Ab Mai werden die zentralen Erhebungsverfahren mit 15- und 18-monatigen Kindern aus deutschen und türkischstämmigen Familien pilotiert. Die Erhebung der Hauptstichproben ist für den Zeitraum von September 2009 bis April 2010 geplant.
Implikationen für die Praxis
Es ist das Ziel dieses Forschungsprojekts, mehr über die sozial-kognitiven und motivationalen Voraussetzungen frühen prosozialen und kooperativen Verhaltens zu erfahren, um eine wissenschaftlich fundierte Basis für eine gezielte Unterstützung der Entwicklung der sozialen und emotionalen Kompetenzen der Kinder zu schaffen. Auf Grundlage der Ergebnisse dieses Projekts können in einem nächsten Schritt die praktischen Implikationen für die frühe Förderung der sozial-emotionalen Kompetenz herausgearbeitet werden. Es könnte ein wissenschaftlich fundierter Leitfaden formuliert werden, der es Eltern, Tagesmüttern und Erzieherinnen bei Bedarf ermöglicht, unter besonderer Berücksichtigung des sozial-kognitiven Entwicklungsstandes und des kulturellen Hintergrundes des Kindes, die sozialen und emotionalen Kompetenzen der Kinder zu unterstützen.
Veröffentlichungen
- Kärtner, J., Keller, H., & Chaudhary, N. (in press). Cognitive and social influences on early prosocial behavior in two socio-cultural contexts. Developmental Psychology.




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